Until Dawn oder Wie schnell man eigene Entscheidungen bereut

 

Until Dawn ist ein im August 2015 erschienener PlayStation4-Exklusivtitel des Entwicklerstudios Supermassive Games. Im Metagenre Horror angesiedelt, hatte es sofort meine Aufmerksamkeit. Ich hab es bisher einmal durchgespielt. Auf diesen kürzlich gesammelten Erfahrungen basiert das folgende Review. Das Grauen ist also noch frisch.  😯

Ich bin ein großer (wenn auch nicht wahl- und kritikloser) Horror-Fan, und war dementsprechend angetan, als ich von Until Dawn gehört habe. Kurz nach dem Release bin ich in den Laden gerast und hab mir schon beim Kauf fast in die Hosen gemacht, hierbei vornehmlich aber, weil ich meinen Ausweis nicht dabei hatte (ja, wer bei Mon Cheri gefragt wird, muss es auch bei Until Dawn fürchten!).

Es ist ja schon schlimm, einen Horrorfilm zu schauen, ihn aber zu spielen, also das Übel aktiv zu antizipieren, mitzugestalten, durch falsche Entscheidungen herbeizuführen…das ist bei Until Dawn echt nochmal ne andere Hausnummer.

Und da sind wir direkt bei einem maßgeblichen Charakteristikum von Until Dawn – es lebt von seinen vielen Entscheidungen, die wir als Spieler treffen müssen. Teilweise kleine Entscheidungen mit großer Wirkung.

 

Die Story

Das Spiel geht los wie ein klassischer Horrorfilm: Eine Gruppe Jugendlicher, die sich alle so richtig cool finden, machen Urlaub in einer noblen Blockhütte in den Bergen. Einige von ihnen, allen voran der Schönling, ziehen einen „Prank“ mit der schüchternen Hannah als Opfer durch. Hannah läuft verstört und beschämt in den Wald, gefolgt von ihrer Schwester Beth, die sie beruhigen möchte. Es ist jedoch leider Nacht, und zusätzlich werden die beiden von irgendetwas oder jemandem verfolgt, was leider nicht gut ausgeht.

Das Spiel setzt dann genau ein Jahr später ein, am Jahrestag des Unglücks. Josh, der Bruder der zwei als verschollen geltenden Mädels, lädt alle der damaligen Truppe nochmals in die Blockhütte ein, um seinen Schwestern zu gedenken.

Als Spieler steuert man alle Figuren im Wechsel. Die einzelnen Charaktere von Until Dawn sind zunächst teilweise recht stereotypisch gezeichnet. Es gibt die egoistische Zicke, das oberflächliche Dummblondie, den Macho, den Nerd und so weiter. Acht Personen insgesamt treffen sich in der Blockhütte und ja, anfänglich denkt man, wie zur Hölle soll ich mir acht Namen und die Beziehungen untereinander merken. Aber das kommt sehr schnell. Die Figuren werden durch ihre Handlungen, Gesichtsausdrücke und Dialoge charakterisiert und sehr stark individualisiert. Eifersüchteleien, Ex-Beziehungen und Sympathien hat man als Spieler schnell drauf und kann Reaktionen und Kommentare diesbezüglich sehr schnell zuordnen.

Diese Fotogalerie zeigt einen Teil des Casts. Wer die Fotos gemacht und an dieser Wand so schön arrangiert hat, ist die große Frage…

Aber es geht ja eigentlich um den Horror! Und vor was man bei Until Dawn Angst hat, das ist anfänglich ein ganzer Haufen. Scheinbar läuft ein aus dem Gefängnis ausgebrochener Wahnsinniger auf dem Berg rum, zusätzlich sieht man ab und zu einen leicht steampunkmäßigen Typ mit einem Flammenwerfer übers Gelände schleichen, und (mein Favorit) der hier und da plötzlich oftmals auch unbemerkt im Raum herumstehende äh…ja wer eigentlich?

hey, beautiful :3

Und dann gibt es noch die Sitzungen bei diesem seltsamen Psychater, die die Handlung immer wieder unterbrechen. Scheinbar spricht er direkt zu uns als Spieler und kommentiert unsere teilweise fatalen Entscheidungen. Mit voranschreitenden Sitzungen verändert sich auch immer mehr das Interieur seines Büros; so wird beispielsweise aus einer Schneiderpuppe ein toter Clown. Herrlich. :3

So sieht das Sprechzimmer zu Beginn des Spiels aus.

Wir sammeln auf unseren Streifzügen Totems, die uns einen kurzen Einblick ins mögliche Schicksal unserer Mitspieler liefern. Es wird also oft mit einer möglicherweise drohenden Gefahr gespielt, die manchmal recht schnell, teilweise aber erst viel später oder gar nicht (je nach Entscheidung) aufkommt, was die Spannung enorm steigert.

Ein Todestotem. Herzlichen Glückwunsch!

Weiterhin finden wir Hinweise auf verschiedene Story-Zusammenhänge. Diese Hinweise sind klar genug, um Zusammenhänge zu erahnen, aber dennoch zu kryptisch, um sich sicher zu sein. Oft genug lag ich falsch, und der vermeintliche Täter wurde plötzlich zersägt oder ähnliches. 😀 Derlei Twists gibt es einige bei Until Dawn, und ich bin jedes mal fast rückwärts vom Sofa gekippt.

Ein Notizbuch, das wir finden, und das lauter Hinweise zu einer seltsamen Kreatur enthält.

Die Story erzählt den Verlauf einer Nacht, eben Until Dawn, in 10 Episoden, was enorm dabei hilft, inhaltlich den Überblick zu behalten. Zu Beginn jeder Episode gibt es einen kleinen Rückblick auf die bisherigen Ereignisse, die maßgeblich von den Entscheidungen des Spieler beeinflusst sind. Der Schmetterlingseffekt relevanter Entscheidungen wird durch kurz durchs Bild flatternde Schmetterlinge verdeutlicht. Diese Tatsache, also quasi ein Signal, dass meine Entscheidung gerade die Geschichte verändert hat, hinterließ bei mir jedes Mal das Gefühl, mich gravierend falsch entschieden zu  haben. 😀 Gleichzeitig hab ich sofort nach der ersten Entscheidung beschlossen, Until Dawn auf jeden Fall mehr als einmal durchzuspielen!

Die Inszenierung

Die Inszenierung von Until Dawn ist der Atmosphäre extrem zuträglich. Wir haben es mit einer prinzipiell statischen Kamera zu tun, die immer eine Ecke des Zimmers/Areals zeigt, in der wir uns bewegen können (also quasi so, wie wir es von Resident Evil kennen). Teilweise, vor allem in Fluren oder Waldsettings, fährt die Kamera hinter uns her und wechselt dabei öfters mal in interessante Perspektiven, die einem das Gefühl vermitteln, verfolgt und beobachtet zu werden. Ebenfalls von mir sehr geschätzt: Wenn ich auf eine Ecke zugehe und aufgrund der fixierten Kamera nicht sehen kann, was mich dahinter erwartet!

Das Spiel hat auch einige echt coole Cutscenes zu bieten. Hier liegt Sam in der Badewanne, und ja, im Hintergrund steht die Beautyqueen von oben.

Die Grafik

Until Dawn sieht wirklich super aus! Teilweise vielleicht zu gut. 😀 Es ist absolut zeitgemäß und überzeugend (kleine Aussetzer mal außen vorgelassen). Wir bewegen uns in einer realistischen Welt, die viele gelungen beleuchtete Settings und interessante Details zu bieten hat.

Das verlassene Sanatorium ist eins meiner Highlights!

Wir haben es also zunächst nicht mit bluttriefenden Sets zu tun, wie man sie von The Evil Within kennt. In der zweiten Spielhälfte wird’s allerdings dann schon ziemlich unappetitlich. :3

Das Sanatorium hat übrigens auch eine Leichenhalle.

Das Charakterdesign lehnt sich stark an gängige Teenie-Horrorfilme an, schafft es aber, die Figuren authentischer und somit glaubwürdiger zu zeichnen.

Der Sound

Der Sound und die Musik von Until Dawn sind sehr gut. Da die Charaktere allesamt von Schauspielern „gespielt“ werden, hat die englische Sprachausgabe eine sehr hohe Qualität (auch die deutschen Synchronstimmen sind super, aber leider schlecht abgemischt; klingt sehr blechern, was wohl an der Komprimierung liegt).
Die musikalische Untermalung und die Soundkulisse sind sehr gelungen und lassen alles noch bedrohlicher wirken. Und als Horrorfan weiß man: Stille ist ein Stilmittel und heißt meistens nichts Gutes. Auch das hat Until Dawn verstanden und gemeistert.

Das Gameplay

Eine Dialogentscheidung, wie man sie oft zu treffen hat. Bloß nicht als banal einstufen!

Wie schon erwähnt, lebt Until Dawn von den vielen Entscheidungen und teilweise verheerenden Konsequenzen. Diese Entscheidungen werden von uns in Dialogen in Form von möglichen Antworten verlangt, aber ebenso unsere Handlungen betreffend (z.B. Fluchtwege, Objekte, die man einsteckt oder nicht, etc.).

Ein großer Spaß, der dem Spiel das nötige Tempo gibt, um nicht ins Point’n’Click-Koma zu fallen: Quicktime Events, beispielsweise eine inszenierte Flucht, bei der es gilt, schnell die richtigen Knöpfe zu drücken, um nicht zu stolpern.

Ein Quicktime-Event: Entweder auf die Kreatur schießen, oder auf das Objekt rechts im Hintergrund…

Im Verbund mit diesen QTEs müssen wir zudem oftmals Schmetterlingsentscheidungen treffen, und das auch noch unter Stress und Zeitdruck. Und seid gewarnt: Until Dawn kann gnädig sein und zweite (Überlebens-)Chancen geben, aber es ist auch manchmal ganz schnell vorbei mit euch.

…oder die Quicktime versauen, weil man unbedingt ein Foto davon machen wollte! 😀 Chris hätte nicht sterben müssen!

JEDE Entscheidung hat Folgen. Nicht unbedingt immer den Tod oder das Leben. Manche unserer Handlungen aktivieren ein „Status-Update“, das anzeigt, dass unser Handeln gerade vielleicht die Einstellung unseres Gegenübers zu uns geändert hat.

Das ganze Spiel wirkt durch das sehr stark an die Funktionsweise der Telltale Games (The Walking Dead, Game of Thrones) angelehnte Gameplay und die gute Story vielmehr wie ein spielbarer Film, was seinen enormen Sog vielleicht erklärt.

Diese Kreatur kann nur Bewegung wahrnehmen. Erstaunlich, wie schwer einem Stillhalten in solchen Augenblicken fällt.

Kurze Randbemerkung: Man kann das Spiel auch mit einer Bewegungssteuerung statt mit den Sticks spielen. Das ist dann zum Umschauen und Zielen relevant, ging mir aber nicht so von der Hand!

Das Genre

Until Dawn ist sehr storylastig und vereint Elemente aus Point & Click Adventures (Sets mit Dingen zum entdecken und interagieren) und klassichem Survival Horror à la Resident Evil (Kameraführung, s.o.). Darüber hinaus gibt es zahlreiche Quicktime Events und oft spielverändernde Entscheidungen, die der Spieler treffen muss. Am zutreffendsten wäre wohl die Bezeichnung Horror-Adventure.

Der Klassiker: Ein Puppenhaus mit gruseligen Figürchen, für jeden Charakter eins. Und wieder die Frage, wer damit zu spielen pflegt…

Until Dawn ist für mich eines der am besten funktionierenden Horror-Spiele, die ich gespielt habe. Optik und Sound sind perfekt miteinander verwoben und erzeugen eine unfassbare Spannung; dazu kommt die wirklich gute Story und ein echt mitreißendes Gameplay. Durch die Quicktime-Events und die zahlreichen Entscheidungen mit ihren verheerenden Folgen war ich so dermaßen „drin“, dass ich mich oft fünf Minuten überwinden musste, bevor ich mich getraut habe, eine Tür zu öffnen. 😀 Und ich habe bei jedem (von mir verursachten)  Ableben der Figuren mitgelitten!

Das passiert, wenn man die Kaffee-Maske länger als 30 Minuten einwirken lässt

Am Ende meines ersten Spieldurchlaufs haben zwei der acht Charaktere überlebt. Es gibt laut Wiki die Möglichkeit, alle Charaktere überleben zu lassen. Das wird wohl mein Ziel für einen zukünftigen Spieldurchlauf sein! Und natürlich, einmal alles so richtig zu verkacken. 😀

Mein Fazit: Mit Until Dawn hat man je nach Spielweise acht bis zehn Stunden richtig entsetzlich schlimm Spaß! Auch mit Freunden ist es super zu spielen, weil es sich als Zuschauer wie ein Horrorfilm schauen lässt.

Bewertung

  • Grafik                   9/10
  • Gameplay            8/10
  • Story                     8/10
  • Spielspaß            9/10

Gesamtwertung 34/40

Eine absolute Kaufempfehlung! Wer nicht warten mag – hier ist der Amazon-Link zu allen drei Editionen:

Until Dawn Extended Edition bei Amazon*

 

Ich wünsche allen, die sich nach diesem Beitrag in die virtuellen Berge wagen werden, viel Spaß! Freu mich auf eure Meinungen! 🙂

Life is yours [creepy laughter]

Teile diesen Beitrag bei
Share on FacebookShare on Google+Pin on Pinterest